Kolumne | Von Luft und Liebe #1

Unsere AG Legal & Finance hat jetzt eine Kolumne: „Von Luft und Liebe“. Hier schreibt sie zu kulturpolitischen Themen.

Folge 1: „Cheers“ von Akın Emanuel Şipal. „Ein Strohhalm namens Kulturkurzüngen.“


Cheers!

Liebe Theaterautor:innen,

vom Schreiben leben war noch nie einfach und einige von uns denken vielleicht, dass sie froh sein können, dass sie mit Schreiben Geld verdienen. Und natürlich, es ist stets von Vorteil das halb volle Glas zu sehen. Doch lest die Zeichen, werte Kolleg:innen! Hört ihr das Schlürfen? Was macht dieser gigantische Strohalm in unserem Glas? Genau, KULTURKÜRZUNGEN.

Als Legal und Finance AG des Verbands der Theaterautor:innen haben wir uns umgehört, inwiefern die Kürzungen sich auf unsere Zunft auswirken und euch, liebe Mitglieder:innen, befragt. Dankenswerterweise habt ihr uns freimütig geantwortet. Der Trend ist leider klar: Weniger Stückaufträge, weniger Uraufführungen. Und mit Verweis auf die KÜRZUNGEN bitten uns Theaterleitungen unsere Honorare durch selbst eingeworbene Drittmittel aufzubessern oder Pauschalverträge ohne Tantiemen zu unterschreiben. Das ist euch so noch nicht passiert? Gut. Doch es passiert längst Anderen und so steinig der Weg nach oben auch sein mag, gerade scheint sich eine neue Schwerkraft zu entfalten. Eine verdiente Autorin schrieb uns: „Ich hatte letzte Spielzeit ein Gespräch mit einer Dramaturgin, die mir eigentlich einen Auftrag geben wollte, aber es von den Kürzungen abhängig machen musste, die dann auch kamen. Der Auftrag ist nun nicht zustande gekommen, dafür spielen sie aber ein Stück von mir nach.“ Besser als nichts, möchte man da fast sagen. Eine andere verdiente Autorin schrieb uns, dass sie das erste Mal seit acht Jahren keinen Auftrag habe. Und wir haben es hier mit einer Autorin zu tun, die in letzter Zeit zu höchsten Ehren gelangt ist. Wenn es hier mit den Aufträgen hapert, was sollen dann jene unter uns sagen, die von Uraufführungspauschalen und Tantiemen leben? Auch Moritz Staemmler, Geschäftsführer von Felix Bloch Erben, Kiepenheuer Bühnenvertrieb und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage, bestätigt diese Beobachtungen. Er schreibt uns: „Häuser kommunizieren offen, dass sie sich Stückaufträge nicht mehr leisten können. Wo früher ein vollwertiger Werkvertrag stand, entstehen zunehmend konstruierte Vertragslösungen – Koproduktionen, Teilaufträge, Honorare weit unterhalb dessen, was für eine ernsthafte Auftragsarbeit angemessen wäre. Besorgniserregend ist dabei nicht nur die Höhe der Honorare, sondern die Systematik: Gespart wird dort, wo kein Tarifvertrag oder ähnliches schützt. Für Theaterautor:innen fehlt dieser Schutz.“

How to get rich with Neue Dramatik?

Nun, die wenigsten werden fürs Theater schreiben und denken, dies sei der beste Job, um eine bürgerliche Existenz abzusichern. Dennoch stehen wir im Vergleich mit anderen Berufsgruppen im Theater besonders schutzlos dar und nur höchst selten werden wir unserem Arbeitsaufwand entsprechend entlohnt! Für ein aufwändiges, rechercheintensives Stück, für das ich ein halbes Jahr gelesen und an dem ich anderthalb Jahre geschrieben habe, bekam ich 18.000 €. Ein ziemlich gutes Salär, wenn man die VtheA-Umfrage von Mai 2024 zugrunde legt, hier lag der Durchschnitt bei 9346 € pro Stückauftrag! Doch wenn ich Steuern und Verlagsprozente von den 18.000 € abziehe, bleiben 11.600 € übrig. Für zwei Jahre intensiver Arbeit (484 € pro Monat). Nehmen wir an, das Stück ist ein voller Erfolg und ich verdiene zuzüglich zu den 18.000 € Auftragshonorar noch einmal 18.000 € Tantiemen (das wären dann insgesamt 967 € pro Monat). Ihr versteht, worauf ich hinaus will? Die Honoraruntergrenze für darstellende Kunst liegt bei 3600 € pro Monat! Klar, einige von uns haben mehrere Eisen im Feuer oder schreiben schneller. Doch jedes Stück ist anders. Und genau hier müssten Honorarstandards ansetzen (siehe dazu auch die Honorarbroschüre des VTheA Theaterautor:innen brauchen Honorarstandards).

In Deutschland redet man nicht gerne über das eigene Einkommen. Doch wenn wir nicht langsam anfangen, offen über Geld zu sprechen und endlich einen solchen Honorarstandard durchsetzen (da wir keine Tarifverträge haben!), werden wir bald mit der Kollekte umhergehen müssen und für „Neue Dramatik“ sammeln.

Fest steht, die Kürzungen in den Kommunen wirken sich spürbar auf uns aus. Dabei verbinden sich die Auswirkungen der Kürzungen mit der generellen, strukturellen Unterbezahlung. Dazu schrieb uns ein weiterer verdienter Kollege mit langjähriger Berufserfahrung: „konkret sehe ich aber auch seit jahren: die honorare bleiben gleich. sie wachsen einfach nicht. was bedeutet: sie schrumpfen.“

Mit dieser Beobachtung scheint er nicht alleine zu sein. Es sieht ganz danach aus, als seien unsere Auftragsgehälter in den letzten fünf Jahren kaum gestiegen. Das an sich ist schon nicht gut. Wer beispielsweise im Mai 2021 für einen Stückauftrag durchschnittliche 9346 € bekommen hat, müsste im Mai 2026 11.406 € bekommen, um die Kaufkraft erhalten zu können. Das ist aber, so hören wir bei euch heraus, nicht der Fall. Die meisten von uns, die überhaupt in den Genuss von Stückaufträgen kommen, pendeln sich auf einem Niveau ein, auf dem die Auftragshonorare stagnieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Auftragsgehälter angesichts der Kürzungen angehoben werden, erscheint jetzt natürlich noch unwahrscheinlicher.

Solange wir noch Zähne haben: Zeigen!

Die Kürzungen betreffen also die meisten unter uns. Jene, bei denen es gut läuft und jene, bei denen es gerade nicht gut läuft. Hier gibt es ein gemeinsames Interesse, selbst wenn man nicht aktivistisch veranlagt ist.

Klar, der Markt regelt. Doch der Markt regelt auf dem Rücken der am wenigsten gut Organisierten. Das sind in diesem Fall wir, Theaterautor:innen, Freiberufler:innen. Uns und auch den Theatern und der Kulturpolitik muss klar sein, dass wir von den Kürzungen akut bedroht sind. Unsere Lage war vorher nicht gut und jetzt zeichnet sich ab, dass sie sich signifikant verschlechtert. Kann sein, dass wir bald alle Romane schreiben müssen, um im Theater gespielt zu werden. Doch solange wir Theaterstücke schreiben, sollten wir dem Aufwand entsprechend bezahlt werden und solange sich noch irgendwo Drehbühnen drehen und Bühnennebel versprüht wird, sollten wir für Honorarstandards kämpfen. Mein Gott, am Anfang stand das Wort. Klar ist auch, wir werden nicht über Nacht zur Writers Guild of Hollywood. Doch lasst uns, unserer Würde wegen, ein bisschen mehr Zähne zeigen, zusammenhalten und uns in kulturpolitischem Aktivismus üben. Ansonsten werden wir noch zu einem Club unausstehlicher Overachiever. Cheers!

Eure Legals

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Redaktion: Raphaela Bardutzky, Vera Schindler, Christian Schönfelder, Lutz Hübner

Text: Akın Emanuel Şipal

Bild: Otto Brausewetter | Bayerisches Nationalmuseum

Eine Märchenillustration zur Bebilderung der Kolumne Luft und Liebe
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